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Fremde

Es war schon eine wunderliche Veranstaltung, diese Bekanntgabe der ABiturnoten. Allein: Ich versteh die Menschen nicht. Es mutete an wie ein Drama, als ginge es um Leben und Tod, um Sein oder Nichtsein, um den 3. Weltkrieg oder eine friedvolle Welt. Spannung überall, die schon von Freud untersuchte weibliche Hysterie selbst bei den Besten der Besten. Warum soviel Aufregung, wenn die meisten, die kurz vor einem Heulkrampf standen, sowieso ohne Probleme bestanden hatten? ich versteh es nicht, vielleicht ist meine Rolle aber auch die des stillen Beobachters.
Vorher, ich lief allein durchs Schulhaus. Still war es, überall Unterricht. Hinter Türen vertraute Stimmen, denen ich bis vor kurzen auch noch mit halb geschlossenen Lidern lauschte. Stimmen, denen ich so nie wieder lauschen werde. Das langsame Anschwillen des Lärmpegels, je näher die Pause rückte, immernoch leere Gänge. Lehrer, die vertraulich mit den ehemaligen Schülern reden, die eigentlich noch nicht exmatrikuliert sind. Und eine Masse, größer werdend, vor der Aula. Fröhliches Wiedersehen mit ein wenig Ironie, Panik, Hysterie. Einige Lehrer waren gekommen, warum, das haben sie nicht verraten.
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Doch darüber wollte ich nicht schreiben, der Titel bezieht sich auf etwas anderes. Ich war heute Abend, mal wieder, mit meinem Vater bei einem Stammtisch des BDS (Bund der Selbstständigen). Herzlicher Empfang durch die wirklich nette Sekretärin. Michael Müller, SPD-Chef Berlins und Fraktionsvorsitzender im Abgeordnetenhaus war geladen. Im Fernsehen war er mir immer unsympathisch gewesen. Nun kommen zu diesen veranstaltungen eben Unternehmer mit ihrem Anhängsel, meist Hanttasche mit Frau, alles von Gucci. Neben mir ein schwitzender Koloss, ich würd ihn gar für einen Titanen halten, aber er ist nur Chefredakteur und Inhaber der Verbandszeitung Merkur. Die Unternehmer: das ist nicht meine Welt. Ihre blasierte Arroganz, ihr teils affektiertes Gehabe, ihre Geringschätzigkeit für die Politik, für die Welt, für alles, was nicht in ihr kapitalistisches Weltbild passt: befremdend. Ihre Autobezogenheit, ihr Getue, ihre Blicke: zerstörend. Michael Müller, wirklich ein brillanter Redner (ob er etwas zu sagen hat bezweifle ich allerdings), gab sich alle Mühe. Seine Reden würden angenommen, ja. Doch mein Eindruck von ihm ist nur noch befremdender. Das ist kein Sozialdemokrat, das ist eher einer vom Schlage Steinbrücks, ein pragmatiker. Ich verabscheue diese Denkensart, die jegliche Ideale ausblendet. Warum will Berlin einen eigenen Wohnungsbestand haben? Begründen konnte er es nicht. Warum das letzte Kitajahr gratis? keine Begründung. Für Kapitalisten bedeutet Geld Gott und die eben genannten Dinge kosten eben sehr viel Glauben. Ich glaube, am schlimmsten war Müllers Blick. Er redete wirklich gut, nach allen regeln der Kunst, vollkommen politikerhaft. Ich saß ihm direkt gegenüber, in den Katakomben, in denen wir saßen, war wenig Abstand zwischen uns. Aber sein Blick war gleichzeitig so kalt, so abschätzig, als wäre ich als Mensch nur Adressat seiner Worte, nur Resonanzboden. Kein Interesse an niemandem, nur die Botschaft zählt. Vielleicht, ja, vielleicht muss man als Politiker so sein, so eine harte, gleichgültige Schale haben. Sein Scherzen mit dem Vorsitzenden des BDS vor- und nachher: vollkommen hohl, der blanke Hohn für Menschen, die für Müller Wahlkampf machen sollen.
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Eigentlich wollte ich etwas ganz anderes schreiben, diese Veranstaltung aber zur Beweisführung nutzen, was mir misslungen ist. Ich bin dabei, mich zu verändern. Ein prozess, den ich vor ziemlich genau einem Jahr in der selben Art und Weise schon einmal durchgemacht habe. Hin zu mehr ENgagement, mehr Selbstbewusstsein, weniger Introvertiertheut. Hin zu mehr Mut, weg von der Feigheit. Immer auf mein Ziel zu, meinen Traum: Die Welt ein bisschen besser machen. Laut auf die Pauke hauen, etwas tun, meine Zeit so sinnvoll wie möglich nutzen. Ich habe viel Zeit im Moment, vielleicht ist mir dadurch der gravierende Rückschritt so sehr aufgefallen, der im herbst letzten Jahres begonnen, im Winter seinen absoluten Höhepunkt in einer dummen Affäre fand. Watergate in klein, nur, dass ich nicht gestürzt wurde wie Reagen.
Ich hoffe, dass diese Verändeurng endgültig sein wird, dass ich Menschen wieder ansprechen kann und nicht ewig darauf warte, angesprochen zu werden. Vielleicht werde ich dann irgendwann der Mensch sein können, der ich sein möchte und das Leben führen, das mir so idealistisch schön vorschwebt. Vielleicht ... bin ich ein Mensch, der mit nichts im Leben je zufrieden sein wird.
31.5.06 22:12
 


bisher 4 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Caro (1.6.06 10:57)
Nein, das bist du wirklich nicht; aber in unserer heutigen Welt darf man mit nichts zufrieden sein, niemals. Das habe ich jetzt verstanden.


R (1.6.06 10:58)
Vielleicht aber auch nicht ganz ... diese ständige Unzufriedenheit ist nicht der Himmel auf Erden


Caro (1.6.06 22:39)
Nein, und gerade das ist die wahnsinnig schlimme Ironie; man kann sich noch so sehr anstrengen und die Welt verbessern wollen, es vielleicht sogar in gewissem Maße schaffen, aber es wird immer skrupellose Menschen geben, die sich dem widersetzen werden, was man mühevoll aufgebaut hat. Vollkommene Zufriedenheit können wir niemals erlangen.


R (1.6.06 22:41)
Du immer mit deinem absolut negativen Menschenbild ... auch das ist etwas, was die Welt nicht besser macht!
Meine Rastlosigkeit kommt nicht von den Menschen her, sondern aus mir heraus, aus dem Menschenunmöglichen, aus dem normalen Lauf der Welt, der nicht der meine ist.

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