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Was war das?


Was passiert, wenn 2 Menschen, die sich nicht kennen und noch nie zuvor gesehen haben, ja nicht einmal wussten, dass es den anderen gibt, sprich: vollkommen unbekannt miteinander sind, aufeinander zulaufen, in schnellem Schritt, sich um den Hals fallen und küssen?
Die Szenerie: Ein heruntergekommener Bahnhof. Es ist dunkel, aber gerade einmal Abend, ein leichter Wind weht, es ist nicht kalt. Der Bahnsteig halb überdacht, ein zweiter daneben. Kaum Personen, schummriges Licht von hohen Laternen. Fernes Rauschen von Autos, Lichter einer Stadt. Der Bahnhof ist abgeschottet, ein eigener Raum fast in der Weite der Landschaft.
Die Personen: Ein junger Mann, gerade 20, allein, still auf den Zug wartend. Ein Mädchen, telefonierend, noch nicht ganz Frau.

Sie kommt die Treppen heraus, impulsiv, telefonierend. Läuft den Bahnsteig entlang, verlässt den überdachten Bereich und läuft weiter, bis ans dunkle Ende. Was ist dort? Nichts, sie sieht nichts. Dreht sich wieder um, geht schlendern zurück, redend. Mit wem redet sie da? Vielleicht eine Freundin, jemand, dem sie sehr viel zu erzählen hat auf jeden Fall. Jemand, der ihr nahe steht.
Was macht er? Er steht, ans Treppengeländer gelehnt, Musik hörend. Steht da, wartet. Tut nichts, telefoniert nicht, liest nicht. Nichts, dass ihn dazu bewegen würde, irgendetwas zu tun, kein Aufbruchsignal bisher gekommen. Wartet.
Sie kommt zurückgeschlendert, immer noch, sehr langsam, schlingernd. Legt irgendwann auf, noch ganz im Gespräch lächelnd. Doch auf einmal, ganz plötzlich, verändert sich ihr Gesichtsausdruck, wird ernst, wird entschlossen. Wird determiniert, als gäbe es nur noch eins. Ihr Gang wird zielstrebig, wird gerade, hat sein Ziel gefunden, als gäbe es nichts anderes, als hätte sie nur darauf gewartet, aufzulegen.
Er steht im einen Moment noch genauso reglos da wie vorher, im nächsten geht er, als hätte ihn etwas gestochen, als wäre ihm der Abendstern erschienen, in ihre Richtung, auf sie zu. 10 Meter, 20, 25. Der Bahnsteig ist lang, noch stehen sie nicht voreinander, aber sie gehen aufeinander zu, rennen nicht ganz. Als wäre es selbstverständlich, als würden sie sich schon immer kennen, das jeden Tag machen. Hatte sie schon vorhin so braune Haare, so dunkle Augen? Er weiß es nicht, hat sie kaum bemerkt, wie sie in der Dunkelheit verschwand.
Doch jetzt, sie stehen sich fast gegenüber, blickt er tief hinein, in diese dunklen, fast schon tiefen Augen. Blickt tief und glaubt etwas zu erkennen, das ihm bekannt ist. Das ihm gar eigen ist. Ist das sein Verlangen, dass sich dort spiegelt oder ihres? Begierde auf den ersten Blick – ohne sich vorher angeschaut zu haben?
Doch keine Zeit bleibt für Gedanken, die Lippen nähern sich, berühren sich fast, berühren sich, pressen sich aufeinander. Die Arme, umschlungen, die Münder öffnen sich, ein leiser Seufzer, die Köpfe, sich windend. Langsam kommen die Zungen zum Einsatz, umkreisen sich wie die beiden Körper, berühren sich, zärtlich, mehr als das, fast schon derb. Ein Geräusch, ein Seufzer, noch kein Stöhnen. Wer ist sie, wer er? Warum? Noch immer ist kein Ende in Sicht, die Begierde – das Verlangen – woher? Die Münder aufeinander gepresst, keines Gedankens fähig ob ihrer Wildheit, fest entschlossen, diesen Augenblick Ewigkeit werden zu lassen. Einmaligkeit.
Plötzlich, genauso plötzlich wie das zielstrebige aufeinander zulaufen, wie dieser Kuss, wie die Eingebung, so plötzlich lösen sie sich voneinander, fast synchron. Lösen sich und laufen, er zurück zur Treppe, die Treppe hinunter, weg, als wäre nichts gewesen, als müsste er weg. Sie geht den Bahnsteig entlang, lang ist er und dunkel, geht zum Ende, geht herunter vom Bahnsteig, den Schienen folgend in die dunkle Weite, ins Nichts, aus dem sie gekommen ist.

Was war das?
21.11.06 23:08
 


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