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Uni

10.10.06
Nun also Duisburg, dieser verkörperte schlechte Ruf, dreckigste Stadt, hässlichster Bahnhof, schlimmstes Viertel. Verkörperung aller Schlechtigkeiten, die Journalisten jemals erfinden könnten, Projektionsfläche gescheiterter Entwicklung. Diese Stadt gibt es nicht. Es gibt eine riesige Schar von Studenten, modernste Hörsäle. Den Rhein. Die ewig summenden und brummenden Kraftwerke, die 60er Jahre Bauten, die belebten Straßen. Multikulti – Verkehrssprache Deutsch – ist doch nicht gescheitert. Duisburg als Gegensatz, der Rhein als Grenze: Rheinhausen. Drüben die Hüttenwerke, ein dampfender Schlot, Scheinwerfer. Immer dieses ewige brummen und klappern, davor lautlose Wasser, unhörbare Schiffe von der Größe eines Häuserblocks. Schafe, Kühe, ein Pferd mit Reiter: die Rheinauen. Hundebesitzer, Pferdeäpfel, eine Kaninchenfamilie, die unvermittelt am Wegesrand das unwirkliche Szenario ihrer Lebenswelt betrachtet. So friedlich das linke Ufer, so unwirtlich ist das rechte. Die beiden großen Gegensätze der Menschheit, Natur und Technik, Unberührtheit und Fortschritt, vereint und doch getrennt.
Warum Duisburg? – Warum eigentlich nicht. Die Uni als neue Lebenswelt, als Hort der Wissenschaft, vor allem als Möglichkeit. Ein Ort der verirrten, der bestimmten, der selbstvergessenen und selbstverliebten. Dieses Wohlgefühl von Anfang an: Hier bin ich richtig. Eine neue Chance, so fernab der geliebten Heimat Berlin und doch so wunderbar prickelnd neu, so ohne Angst und voller Zuversicht. Orientierungslose Junge, schüchterne Gespräche: alles neu. Niemand kennt mich, ich kenne niemanden. „Macht ja nichts, kann man ja kennen lernen.“ , wie man mir heute sagte. Der Umgang mit Menschen: wieder kinderleicht. Kommunikation als Spiel, nie ohne einen Hauch Ironie. „Dir sind Informationen schon wichtig, oder?“ Das Buch als Möglichkeit, nicht nur, um die Zeit zu vertreiben. Das Buch als Symbol. „Sie dort hat ein Buch geschrieben“ – großes Staunen über ein selbstbewusstes Persönchen mitten in der Selbstrezension. Oder Sätze wie: „Et is schon janz gut, datt ick datt mal allet lerne, denn wenn man datt später mal verändern will, Politik und so, dann sollte man auch wissen, wie datt allet so funktioniert.“
Eine neue Lebenswelt, eine neue Chance, ein neues Leben. Und viel Hoffnung, viel Zuversicht, wie immer am Anfang. Dies ist der Zauber des Anfangs, der entzaubert wird, aber nie das magische, nie das poetische verlieren wird.

11.10.06
Nachwehen
Dort steht sie, einsam, allein. Mein Blick ein Tunnel: nur auf sie gerichtet. Warum sie, warum hier? Nachwehen einer Vergangenheit, der ich zu entfliehen versuchte. Sie war nicht schrecklich, war nicht schlimm, sie war nur. Was macht sie hier, warum gerade hier? Einmal durch die halbe Republik, eine andere Welt, man möchte fast meinen: ein gänzlich anderes Land. Nichts ist hier Berlin, alles ist weit weg. Nur sie. Einsam in ihr Handy tippend: Kein Zweifel, das ist Berlin. Einst wohnte sie nur ein Kilometerchen von mir entfernt, Lehrerkind, vollkommen unpolitisch. Wir hatten nie ein gutes oder schlechtes Verhältnis zueinander, lebten parallel, redeten, verstanden. Verstanden uns. Warum einmal durchs Land ziehen, wenn die Vergangenheit mir doch begegnet? Scheinbar unausweichlich. Dieses unbestimmte Gefühl, welches Angst nicht sein will, ein Zögern, eine Unsicherheit nach der grandiosen Sicherheit der letzten Tage, eine leichte Verstimmung nach dem Hochgefühl der Möglichkeiten. Unser Verhältnis war immer geprägt durch intellektuelles, vielleicht charakterliches Verstehen. Sie: so anders als ich, trotzdem freundlich, meinen Charakter ironisierend. Sie als Gefahr, weil sie die Fähigkeit besitzt, zu verstehen. Wie damit umgehen? Heute bin ich nicht zu ihr gegangen, sie sah mich nicht, auch, wenn ich genau in ihrem Blickfeld saß. Man sieht selten Dinge, die man nicht erwartet, auch ich musste mehrmals prüfen, ob mich mein Blick nicht täuscht. Ein Schock? Vielleicht. Was macht sie gerade hier? Sie könnte der Strich durch die Rechnung sein, die lähmende Macht der alten, verlassenen Welt scheint durch. Mein leichtfüßiger Umgang mit den vielen neuen Gesichtern, selbstbewusst-schüchterne Gespräche mit anderen Studenten: Sollte das alles bald zu Ende sein, weil ich mich rechtfertigen muss vor der alten Welt? Verlassen habe ich sie, bin meinem Herzen gefolgt, nicht ohne Zweifel. Letztlich dürfte es egal sein, wo ich hingehe, ankommen werde ich dort, wo es mich hin zieht: weiter nach oben. Keine Karriere, nein, niemals. Wie kann verhindert werden, dass sie der Strich durch die existenzialistische Rechnung sein wird? Es wäre wohl möglich, sich 3 Jahre lang nicht zu begegnen auf einem Campus, den lediglich 5000 Studenten teilen. Wäre es? Es wäre, sie erwartet nicht, mich hier zu treffen. Überhaupt: Mich jemals wieder zu treffen. Oder doch? Informationen sind oft schneller, als Betroffene ahnen, ich müsste das wissen, Informationen sind mein Grundnahrungsmittel. Also Frontalangriff: Auf sie zugehen mit der gleichen ironisierenden Ehrlichkeit wie auf andere, die sich dann fragen „Hat er das jetzt so gemeint?“. Sie überraschen, überfallen. Überwältigen. Vielleicht nutzen – Informationen als Nahrungsmittel. Die Welt als Welt voller Möglichkeiten, voller Chancen: Warum eigentlich nicht? Eine Informationsverbindung zur alten Welt, keine Brücke, als Einwegflasche ohne Pfand. Wird sie es durchschauen? Vielleicht. Wenn jemand dazu in der Lage ist, dann sie, die einerseits einiges Wissen über mich hat, andererseits die Fähigkeit, mich zu durchschauen aus der relativen Ferne.

12.10.06
Menschen als Erinnerung an vergangene Zeiten. Ein Blick, ein Runzeln, zwei Augen, tief selbstbewusst starrend: woher kenn ich diesen Blick? Irgendwoher, es muss lange her sein, in einem anderen Lebensgefühl angesiedelt, fast verdrängt. Ja genau, das ist F., die da durchscheint in ihrem starken Selbstbewusstsein, nur diesmal so ganz ohne Augenringe.
Die Suche nach Felicitas: Wo ist sie unter all den Menschen, welcher Teil von ihr steckt in diesem oder jenen? Fast hätte ich sie hinter mir gelassen, doch los lässt mich ihre Aura des Unbestimmten nie. Felicitas, du Staunen, du Grübeln meiner leisen Nächte. Felicitas. Ich habe lange nicht mehr geschrieben, lange nicht mehr an dem Buch gearbeitet. Zu lange. Die Geschichte, das Lebensgefühl: zu weit weg. Vor 1 ½ Jahren war es da, präsent, der Aufbruch, der Idealismus, die Unbedingtheit der beiden. Heute wieder ein Aufbruch, morgen zwei, doch anders, bodenständiger, leider politischer. Wieder sehe ich das Leben, das ich leben möchte, greifbar vor mir, ein Ergebnis vieler kleiner Schritte, die getan werden müssen. Ein Leben zwischen Vergangenheit und Gegenwart, ein Leben in der Zukunft. Rufe aus der fernen Heimat, Sympathiebekundungen. Niemand kennt mich hier – wer kannte mich dort?
Die Tage sind voll von Freude, von Lächeln; sind Aufbruch, sind vorwärtstreibend. So viel Neues, alles wirkt vertraut. So viel Unsicherheit: Nicht bei mir, nur bei anderen. Bin ich glücklich? Wahrscheinlich. Zu erkennen, dass man glücklich war, ist leicht. Zu erkennen, dass man glücklich ist, ist Kunst. (Kettcar)
Wann geht es endlich los, wann kann ich meine Fähigkeiten beweisen – mir und anderen? Montag die erste Vorlesung, 18-20 Uhr, die früheste um 12 Uhr: Paradies. Jetzt noch genug Geld haben, um mir meine Wünsche zu erfüllen: ein perfekter Traum. Lange habe ich gewartet auf diese Zeit, diese Freiheit, diesen Aufbruch, endlich ist er da und besser, als ich dachte. Nur Felicitas habe ich nicht wieder gefunden, sie ist unnahbar, fast unsichtbar.
12.10.06 21:00





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